Wie viel Zeit haben wir eigentlich noch?

Erstaunlich: Wie man über Wahrscheinlichkeiten Zeit gewinnt. Es erscheint unfassbar und wunderbar. Geht man von den Berechnungen des letzten IPCC Berichts aus, haben wir auf einmal mehr Zeit, die globale Erwärmung unter 2 Grad Celsius zu halten, als noch vor einigen Jahren. Nämlich 28 statt nur 16 Jahre. Wie kann das sein, wenn jährlich die CO2 Emissionen ansteigen? Haben sich die Wissenschaftler in früheren Jahren verrechnet? Oder hat CO2 doch keine so starke Klimawirkung wie gedacht? Spielen neu-entdeckte Mechanismen eine Rolle, durch die das CO2 weniger wirksam wird? Leider trifft nichts von alledem zu.

Lassen Sie mich kurz ausholen, damit Sie die Zusammenhänge besser verstehen: Um unser Klima langfristig stabil zu halten, darf die mittlere globale Temperatur um nicht mehr als 2 Grad Celsius im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung  ansteigen. Wir beobachten heute schon eine Intensivierung von Hitzewellen, Feuersbrünsten, Dürreperioden und Niederschlägen; ein Abschmelzen von Gletschern; eine Meeresspiegelerhöhung die heute schon für Bewohner von niedrig-liegenden Inseln und Küstenbereichen lebensbedrohlich ist; und vieles mehr. Und all das bei einer globalen Temperaturerhöhung von bisher "nur" 0,8 Grad Celsius. Man mag sich nicht ausdenken, wie eine 2 Grad wärmere Welt aussieht.

Doch wenn wir weiterhin so viel CO2 emittieren wie bisher, dann könnte die mittlere globale Temperatur bis 2100 nicht um "nur" 2 Grad, sondern um etwa 4 Grad ansteigen. Eine solche globale Erwärmung entspräche in etwa einer Erwärmung um 8 Grad für Mitteleuropa - ein stärkerer Temperaturanstieg als zwischen einer Eis- und Warmzeit. Und das nicht in Jahrtausenden sondern innerhalb von Jahrzehnten. Dies wurde im November 2012 in dem Bericht der Weltbank Turn down the heat - Why a 4 degree world must be avoided beschrieben und im letzten IPCC Bericht bestätigt. Eine solche Erwärmung wird sehr wahrscheinlich bewirken, dass unumkehrbare Kipp-Punkte überschritten werden, die unser Klimasystem in einer Weise verändern werden, die unser Leben auf Planet Erde stark beeinträchtigt wird.

Wissenschaftler haben berechnet, wie viel CO2 wir noch emittieren dürfen, um eine solche Erwärmung zu verhindern:

In einem Artikel in der renommierten Fachzeitschrift Nature zeigte Malte Meinshausen und Koautoren schon 2009, dass die Menschheit bis 2050 noch ca 565 Gt CO2 emittieren darf, um die globale Erwärmung unter 2 C zu halten.

Jährlich emittiert die Welt heute ca 36 Gt CO2. Die jährlichen Emissionen sind in den letzten Jahren von Jahr zu Jahr um ca 2% gestiegen. Aber nehmen wir einfachshalber an, dass die Emissionen konstant bleiben. Dann hätten wir 565 Gt / 36 Gt = 16 Jahre, bis wir das CO2 emittiert haben, das uns bis 2050 zusteht. Das ist nicht viel Zeit.

Der neue IPCC Report gibt uns einen anderen, beruhigenderen Wert: Hier steht, dass wir noch 275 Gt Carbon emittieren dürfen. Danach hätten wir noch 275 / 9,81 = 28 - 30 Jahre Zeit (36 Gt CO2 entsprechen 9,81 Gt C) (in der Abbildung sind Gt CO2 nicht Gt C dargestellt.

 
Nun kommen wir zu unserer ursprünglichen Frage: Warum haben wir auf einmal mehr Zeit? Leider nicht deswegen, weil sich irgendetwas im Klimasystem geändert hat. Sondern allein deswegen, weil sich etwas im Modelliersystem geändert hat - die Wahrscheinlichkeiten.

Meinshausens Arbeit basierte auf der Annahme, dass eine 20%-ige Wahrscheinlichkeit für eine Erwärmung über 2 C akzeptabel ist. Allein diese Annahme ist phänomenal - würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn es eine 20%-ige Wahrscheinlichkeit hätte, abzustürzen? Im IPCC Report wurde diese Wahrscheinlichkeit nun auf unvorstellbare 33% erhöht (das entspricht einem Zustand, bei dem jedes Dritte Flugzeug abstürzt, und Sie fliegen trotzdem fröhlich weiter wie bisher).
Kommentar eines Schülers nach dem Besuch unserer Wanderausstellung
Kommentar eines Schülers nach dem Besuch unserer Wanderausstellung

Es ist dringend Zeit, dass die Fakten der Klimawissenschaft deutlicher und verständlicher formuliert werden; und dass entsprechend gehandelt wird. Und zwar nicht nur kleckerlesweise, sondern massiv, sofort, in allen Bereichen und von allen, die verstehen, um was es geht.

 

Wir haben die Möglichkeit, die Welt zum Guten zu wenden - übrigens eine wunderschöne Vorstellung, wenn man sich die Möglichkeiten der Zukunfts-Freude überlegt.... Gemeinsam schaffen wir das, aber nur wenn wir mitdenken, nachfragen, mitfühlen und bei uns selbst anfangen, zu handeln. Und zwar Jetzt.

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Kommentare: 3
  • #1

    Stefany Lambotte (Montag, 17 November 2014 08:31)

    Es zerreißt mich förmlich, tagtäglich zu erleben, wie von Mitgliedern der eigenen Familie angefangen bis hin zur der Weltwirtschafspolitik (siehe G20-Gipfel Anfang November) es meisterhaft verstanden wird, die Wirkungszusammenhänge zwischen eigenem Handeln und den damit verbundenen Auswirkungen auf unsere Umwelt zu verdrängen. Erkenntnis müsste ja zu einer Verhaltensänderung führen. Das ist aber unbequem und man müsste sich eingestehen, dass man bisher so einiges falsch gemacht hat (zum Beispiel ungehemmter Fleischkonsum, Konsum allgemein, Wirtschaftswachstum buchstäblich um jeden Preis). Wir brauchen weltweit einen kollektiven Aufschrei, ein kollektives Umdenken und -Handeln, um diesen Trend zu stoppen. Das geht tatsächlich nur mit Bildung, eigenem Vorbild und - so befürchte ich - erst nach weiteren, noch größeren menschengemachten Umweltkatastrophen.

  • #2

    Hugo Kluge (Montag, 17 November 2014 15:55)

    Der IPCC Report in der veröffentlichten, von der Politik akzeptierten Fassung enthält aus den von den Wissenschaftlern zusammengetragenen Daten und Schlussfolgerungen nur das, was die Politik für vermittelbar hält. Dafür muss ein passendes Szenario aus den Wahrscheinlichkeitskurven ausgewählt und verbal so verpackt werden, dass kein Aufruhr entsteht. Das nennt man Maulkorb.

  • #3

    Maiken Winter (Dienstag, 18 November 2014 07:35)

    Ja, manchmal kommt es einem schon so vor, als ob wir für dumm verkauft werden sollen. Immerhin gibt es ja viele sehr positive Ansätze. es heißt, man braucht eine kritische Masse von 20%, um Veränderungen bewirken zu können. Ich denke, wir sind schon nah an 20%. Diese 20% müssen "nur" noch ihre Kraft spüren und sich die Zeit nehmen - die niemand hat - um sich für unsere Zukunft noch viel aktiver einzusetzen. Es macht sehr viel Spaß, dabei zu sein. Das bekommen leider viele noch nicht mit. Einfach mitmachen und Freude an der Zukunft haben! Ja, es zerreisst einen manchmal; aber dann klaubt man sich wieder auf und macht weiter. Viel Erfolg, Freude und Durchhaltevermögen dabei!