Mein Bruder und Niko Paech: Solidarität mit Klimaschutz-AktivistInnen

Mein Bruder saß über Ostern in Frankfurt im Gewahrsam. 5 Tage lang; im Einzelzimmer mit 1 h Hofgang pro Tag. Wie ein Verbrecher. Aber: Wer ist hier eigentlich die Gefahr? Prof. Dr. Niko Paech erklärt sich solidarisch.

 

Wenn man die Dringlichkeit des Klimaschutzes versteht und sieht, wie wenig weiterhin getan wird, dann ist die notwendige Konsequenz, dass wir uns noch stärker einsetzen müssen, um eine Klimakatastrophe eventuell noch zu verhindern. Die friedlichen Aktionen vom Aufstand der letzten Generation sind eine der möglichen Aktionen, welche Menschen zum Nachdenken und Umdenken bringen können.

 

Man kann diese Aktionen mögen oder auch nicht. Eindeutig ist, dass bisher nichts wirklich genützt hat. Wir rasen weiterhin gegen die Wand. Dass es selbst während des Ukraine-Krieges unmöglich ist, zumindest eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf unseren hochheiligen Autobahnen zuzulassen oder gar den Verbrennungsmotor sehr viel früher auslaufen zu lassen, ist sehr viel gefährlicher für uns alle, als wenn KlimaaktivistInnen sich auf Autobahnen kleben.

 

Wir leben in einem scheinheiligen System, das zum einen sagt, etwas machen zu wollen, und gleichzeitig auf anderer Stelle unsere Zukunft zerstört.

 

Wer genau gefährdet uns denn? Die Autolobby, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung immer wieder erfolgreich verhindert? Die Ölgesellschaften, die jahrzehntelang ihre Lügenkampagnen verbreiten durften ohne jegliche Konsequenz? Die Kohlelobby? Die Agrarlobby? Die Bauwirtschaft? Die Wirtschaftslobbyisten, die das stete Wachstum fordern? Die Finanzwelt, die mit ihren Investitionen massivste Naturzerstörung und Ungerechtigkeiten in der Welt fördern? All diese Leute dürfen frei herumlaufen. Aber mein Bruder saß von Gründonnerstag bis Ostermontag im Gewahrsam - zusammen mit 33 anderen Aktivistinnen. Weil er sich sorgt, ja verzweifelt ist, dass sich zu wenig im Klimaschutz bewegt.

 

Zur Unterstützung hatte ich vielen Kontakten geschrieben, und sie gebeten, meinen Bruder über aufmunternde Worte zu unterstützen. Viele schrieben ihm, unter anderem Ernst von Weizsäcker und der amerikanische Klimawissenschaftler James Hanson.
Ein besonders bewegendes Mail kam von Prof. Niko Paech, das ich hier zitieren darf:

 

 

"Einige Jahrzehnte wurde versucht, unter Ausschöpfung konventioneller Möglichkeiten den ökologischen Suizid abzuwenden. Dieser Versuch ist gescheitert. Inzwischen ist eine dramatische Situation eingetreten: Die menschliche Zivilisation hat ihre Überlebensfähigkeit eingebüßt. Dies geschah weder zufällig oder aus irgendeiner Not heraus, sondern systematisch und zugleich in immer besserer Kenntnis der Ursachen für dieses Desaster.

 

Daraus erwächst ein fulminanter Widerspruch. Dasselbe Rechtssystem, auf deren Grundlage nun die Aktivist:innen der Letzten Generation verhaftet werden, entspricht einem Bekenntnis zur Aufklärung und stützt sich zuvorderst auf Menschenrechte. Aber genau diese werden durch die physischen Folgen des auf Wachstum basierenden Industrialismus absehbar auf nie da gewesene Weise verletzt. Wie könnte eine Abwägung dieser Katastrophe gegen die vergleichsweise harmlosen Rechtsverstöße der Letzten Generation, die sich nicht gegen Menschen richten, zu einer anderen als dieser Schlussfolgerung führen: Nur die schnellstmögliche Unterbrechung der aktuell vorherrschen ökologischen Verwüstung kann die Einhaltung der Menschenrechte wiederherstellen -- und nicht die Verhaftung jener, die dafür kämpfen.

 

Die Letzte Generation nimmt nur eine gesellschaftliche Mehrheit beim Wort, die fortwährend Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung einfordert, aber ihrer eigenen Bekundung zuwider handelt. Eine Aufdeckung dieser Mischung aus Realitätsverlust und kulturprägender Heuchelei ist historisch unvermeidbar. Wenn nichts anderes mehr hilft, ist ein Aufstand der sich dem Zerstörungsprozess Verweigernden und konfrontativ Handelnden die letzte Chance auf ein Überlebensprogramm.

 

Deshalb erkläre ich mich solidarisch mit der Letzten Generation."  

 

PS: Nachdem bekannt wurde, dass beim Aufbringen von Öl FahrradfahrerInnen gestürzt sind, schrieb Prof. Paech: 
"JEDER Menscher weiß, dass gerade Klimaschützer niemals absichtlich oder auch nur fahrlässig Radfahrer gefährden würden. Wenn die Medien nun ein solches Versehen (wie schon an anderer Stelle zuvor) gegen die Aktivisten verwenden, ist das infam und führt nur dazu, dass sie sich selbst entlarven als einseitig und voreingenommen, die gezielt nach Diffamierungsgründen suchen."

 

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