Aus Liebe für den Planeten in den zivilen Ungehorsam

Ausgetrocknetes Maisfeld am Rhein, (c) Maiken Winter
Ausgetrocknetes Maisfeld am Rhein, (c) Maiken Winter

Am 16.9. fand eine Gerichts-verhandlung am Amtsgericht München gegen drei junge AktivistInnen der letzten Generation statt. Alle drei gaben sehr starke, bewegende Statements ab. Hier das Eröffnungs-Statement von Annina Oberrenner:

 

"Jeder Mensch in Deutschland kann aus seriösen Quellen recherchieren, dass aufgrund des menschengemachten Klimawandels, also der hohen Konzentration von Treibhausgasen in der

Atmosphäre, die Oberflächentemperatur der Erde immer weiter steigt, seit 1880 bis jetzt schon um 1,1 Grad.

 

Dass wir ein Problem haben, ist fast allen bekannt. Wetterextreme, Waldbrände, Dürren, Hitzetote, Flutopfer, Flüchtlingsmassen, Wasserknappheit, Erdüberlastung, Kipppunkte, Ende der menschlichen Zivilisation, Vermisste, Verletzte, Tote. Das sind alles Worte, die uns allen ständig begegnen. Und statt dass ich die Augen davor verschließe, will ich die Tatsache anerkennen, dass wir uns in einem Klimanotstand befinden und angemessen handeln; ich halte es für meine Pflicht, dagegen anzukämpfen.

 

Mit Fridays for Future waren über 1,5 Millionen Menschen in Deutschland auf der Straße, um für den Schutz unseres Lebensraumes und Klimagerechtigkeit zu demonstrieren.

Trotzdem gab es keine Kursänderung der Bundesregierung, es wurden keine der Dringlichkeit des Themas entsprechenden Maßnahmen beschlossen.

 

Was macht das mit mir?

Was macht das mit vielen Menschen aus meiner Generation?

 

Es macht mir Angst.

 

Es macht mich traurig.

Ich trauere um die bereits angerichteten Schäden;
ich trauere um die Menschen aus dem globalen Süden, die viel stärker unter Dürren und Naturkatastrophen zu leiden haben als ich;
ich verspüre Trauer um die Unbeschwertheit, in der ich aufwachsen durfte, die meinen Kindern aber definitiv verwehrt sein wird.
Ich spüre das alles so deutlich, weil ich eine starke Liebe zu meinen Mitmenschen verspüre, eine Liebe zu unserem Planeten und Hoffnung, was ein Wandel weg von fossiler Verbrennung und Wachstumswahn uns geben könnte.
Weil ich nicht glauben will, dass wir dazu verdammt sind immer weiter zu machen, bis alle Luft verpestet und aller Boden vergiftet ist, unsere Zivilisationen zusammenbrechen und wir schließlich als Menschheit aussterben, nichts hinterlassend als Zerstörung.

 

Und ich bin wütend.

Wütend über die eigene Machtlosigkeit. Weil es nichts bringt, dass ich vegan lebe, nicht in den Flieger steige, Second Hand kaufe, recycle und kürzer dusche. Weil das alles nichts bringt, solange unsere Regierung nicht die Katastrophe anerkennt, in der wir uns befinden und große Unternehmen in die Verantwortung nimmt anstatt alles auf die Eigenverantwortlichkeit der Bürger*innen zu schieben.

 

Und weil all mein Alltagsengagement nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, habe ich mich mit wirkungsvolleren Methoden des zivilgesellschaftlichen Engagements beschäftigt: Ich habe mich entschlossen, in den friedlichen zivilen Ungehorsam zu treten und mich gleichzeitig stärker parteipolitisch zu engagieren um alle möglichen Formen der Aktion zu nutzen.

 

Warum ausgerechnet ich? Ich würde so gerne darauf vertrauen, dass unsere Regierung

aufwacht und einen Kurs für die Zukunft meiner Kinder einschlägt, aber das Vertrauen, dass das von alleine passiert, habe ich verloren.

 

Und wer kümmert sich sonst drum, die Alarmglocke zu läuten?

Wer wenn nicht wir? Es macht sonst keiner.

 

Dem Klima ist es egal, ob wir uns ein bisschen oder gar nicht engagieren. Entweder

schaffen wir es, die Kipppunkte, die uns in eine Heißzeit stoßen, aufzuhalten, oder nicht. Es gibt keinen Mittelweg, es gibt nur ja oder nein.

 

Ich will mich nicht auf die Straße setzen, vor Gericht stehen, verurteilt werden, aber sehe kaum andere Möglichkeiten als den zivilen Widerstand, die Regierung endlich zu einem

angemessenen Handeln zu bewegen. Deshalb saß ich am 4.2.22 in München auf der Straße und habe blockiert und deshalb werde ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter gegen die aktuelle Politik und für Klimagerechtigkeit und unser Überleben einsetzen.

 

Ich bin keine Kriminelle. Ich habe den Alltag der Menschen gestört, um gegen die Ignoranz der Regierenden im Angesicht des Klimanotfalls zu protestieren - eine Katastrophe, die jetzt schon unser Leben beeinflusst und überall auf der Welt Opfer fordert. Das “Weiter so” der Regierung nimmt in Kauf, dass meine Zukunft und die aller jungen Menschen und zukünftigen Generationen von Naturkatastrophen, Hungersnöten und Kriegen geprägt sein wird.

 

Vor diesem Hintergrund ist mein Handeln moralisch richtig. Während das Gericht nicht über Moral entscheiden kann, sollte es zu dem Schluss kommen, dass es viele Argumente für Rechtfertigung gibt und diese bitte auch ansehen.

 

Das Gericht hat eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, sich mit der Sache selbst - dem Klimanotfall - auseinanderzusetzen. Als eine der Gewalten des Staates, hat die Judikative die Aufgabe, legislatives und exekutives Handeln (unser Parlament und die Regierung) auf das Einhalten der Grundrechte/Menschenrechte zu kontrollieren. Der aktuelle Kurs der Regierung bedroht unser Leben und unsere Lebensgrundlagen. Das Gericht muss dies anerkennen und den zivilen Widerstand dagegen als richtig und durch den Klimanotstand gerechtfertigt freisprechen.

 

Ich verstehe nicht, warum Umweltschützer im selben oder sogar im größeren Maße wie

Umweltsünder bestraft werden."

 

Hier die Statements von Luca und von Sarah.

 

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