Verzweiflung, Wut und Trauer

Luca Thomas im Gespräch mit den Medien nach der Gerichtsverhandlung (c) Maiken Winter
Luca Thomas im Gespräch mit den Medien nach der Gerichtsverhandlung (c) Maiken Winter

Das Statement von Luca Thomas bei der Gerichtsverhandlung in München am 16.9.2022

 

"Viele Menschen halten unsere Aktionen für überzogen, für zu extrem oder sogar für gefährlich. Dabei ist der Status Quo extrem gefährlich und die möglichen negativen Folgen unserer Aktionen stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen negativen Folgen der Klimakatastrophe.

 

Dazu muss man verstehen, in was für einer Welt wir eigentlich leben:

 

Die Klimakatastrophe bedroht schon heute die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen. Beispiele aus letzter Zeit kennen Sie:

  • Die katastrophale Überschwemmung im Ahrtal im Sommer 2021, die 180 Menschen das Leben kostete.
  • Die Dürre in Madagaskar und Ostafrika hat bisher über 500.000 Tote verursacht.
  • Duch Überschwemmungen im April in Südafrika sind über 450 Menschen gestorben.
  • Die Hitzewelle in Europa verursachte diesen Sommer Ernteverluste, ausgetrocknete Böden und schlimme Waldbrände; Zehntausende Menschen mussten evakuiert werden, in Spanien und Portugal gab es mehr als 1500 Hitzetote.
  • In China gab es diesen Sommer die längste und schlimmste Hitzewelle seit Beginn der Wetteraufzeichnungen; auch hier gibt es Ernteausfälle durch Dürre.
  • Gleichzeitig laufen Kohlekraftwerke auf Hochtouren, weil die Energieproduktion durch Wasserkraft eingebrochen ist.
  • knapp 350 Millionen Menschen in der Sahelzone haben nicht genug zu Essen; diese Hungerkrise wird durch den Klimawandel verschärft.
  • Und natürlich die gigantischen Überschwemmungen in Pakistan, von denen 30 Millionen Menschen betroffen sind.

Wetterextreme gab es zwar schon immer, aber die Steigerung der Frequenz und Stärke ist eindeutig durch den Klimakollaps ausgelöst. Vermeintliche Extremereignisse oder „Jahrhundertsommer“ werden in Zukunft zur Normalität werden. All das passiert schon heute bei „nur“ 1,1° C Erderwärmung und ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Klimakatastrophe, die uns noch bevorsteht.

 Klimakrise als Fluchtursache

2021 mussten laut UN Flüchtlingswerk 23,7 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Wetterextremen verlassen. Laut Weltbank könnte es bis 2050 weltweit 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben - eine deutliche Verschärfung der Flüchtlingsbewegungen sind also zu erwarten.

 

Flucht erzeugt weitere menschliche Katastrophen: Hunger und Elend für die flüchtenden Menschen und die Gefahr von Gewalt und Nationalismus in den aufnehmenden Ländern. Die Flüchtlingsbewegungen in der Vergangenheit wie z.B. Syrien stimmen da nicht zuversichtlich, dass zukünftige Flüchtlingsströme in noch weit größerem Ausmaß positiv aufgenommen werden.

 

Klimakrise als irreversible Katastrophe

Die Irreversibilität ist der große Unterschied zu anderen Krisen der Menschheitsgeschichte. Bislang war nachträglich immer Entspannung möglich. Entspannung wird es bei der Klimakrise nicht geben. Denn die menschlichen Handlungs- und Einflussmöglichkeiten sind bei Überschreiten von Kipppunkten stark begrenzt. Selbstverstärkende Prozesse laufen dann unaufhaltsam weiter, wie z. B. das Abschmelzen des Grönland-Eises oder das Auftauen des Permafrostbodens. Die Gefahr einer Kaskade von Kipppunkten wurde erst kürzlich von Wissenschaftlern des PIK klar aufgezeigt. Bei einer derart außer Kontrolle geratenen Erderhitzung bleiben nur Anpassungsmaßnahmen übrig, deren Effektivität langfristig nicht ausreichen werden.

Was kommt noch auf uns zu?

Der Zusammenbruch von Zivilisationen durch die Klimakrise ist möglich. Reaktionen auf Extremereignisse und Hungersnöte werden Konflikte innerhalb und zwischen Staaten schüren, u. a.  durch Migrationsbewegungen, Nationalismus und Ressourcenknappheit. Es droht die Gefahr von komplett unbewohnbaren Erdteilen; davon wären bis zu drei Milliarden Menschen betroffen.

 

Ein mehr oder weniger geordneter Rückzug aus besonders betroffenen Gebieten und Küstenstädten wird notwendig sein. Letztere werden aufgrund des Meeresspiegelanstieges um bis zu  1 m (oder mehr) innerhalb dieses Jahrhunderts evakuiert werden müssen. Geisterstädte werden übrigbleiben, die langsam im Meer versinken.

 

Extremwetterereignisse und Ernteausfälle werden auch unser Leben in Deutschland stark beeinflussen: Preissteigerungen von Nahrungsmitteln, Verlust von Häusern und anderer Infrastruktur durch Extremwetterereignisse, vermehrte Todesfälle während immer stärkeren Hitzewellen und vieles mehr.

 

Die Klimakrise wird in diesem Jahrhundert für reiche Menschen Wohlstandseinbußen und für arme Menschen den Verlust der Lebensgrundlagen und Tod bedeuten. langfristig ist keiner von den Folgen des Klimakolapses sicher - unabhängig von der wirtschaftlichen Lage einer Person.

 

Manche meiner Freunde meinen, dass die Zukunft sicher besser wird - durch technische Entwicklung und effektivere Klimaschutzmaßnahmen. Aber da liegen sie falsch. Denn nein, die Zukunft wird nicht besser werden, sondern viel schlimmer als wir es uns heute vorstellen können.

 

Viele Menschen haben das Ausmaß der Katastrophe noch nicht verstanden. Daher sind unsere Blockaden als „Feuermelder“ notwendig. Unsere Aktionen sind nicht ignorierbar und weisen daher deutlich auf die Notfallsituation hin; eine Situation, die schnelles, entschlossenes und umfangreiches Handeln erfordert.

 

Was fühlt man bei all dem?

  • Trauer über den irreversiblen Verlust von Tier- und Pflanzenarten und von Ökosystemen, die in Millionen von Jahren entstanden sind und die wir innerhalb von zwei Jahrhunderten ausgelöscht haben.
  • Wut darüber, dass schon heute viele Menschen durch die Folgen der Klimakrise alles verlieren, obwohl sie nichts dazu beigetragen haben. Gleichzeitig versuchen die Menschen im globalen Norden ihre Privilegien zu retten und machen sich nichts aus dem Schicksal anderer Menschen. Dabei denke ich z. B. an die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer.
  • Scham, dass westliche Staaten und auch Deutschland nicht fähig sind anzuerkennen, dass die Klimakrise eine Folge jahrhunderte-langer Ausbeutung von Menschen und Natur ist und wir maßgeblich daran Schuld sind. Klimareparationszahlungen sind daher nicht nur dringend notwendig sondern auch unsere moralische Pflicht.
  • Fassungslosigkeit über die Art und Weise wie viele Menschen trotz besseren Wissens die Klimakrise ignorieren oder dem Klimaschutz sogar aktiv entgegenarbeiten. Viele Banken finanzieren zum Beispiel weiterhin die Klimakrise; und viele Menschen lehnen sich zurück und genießen ihr Leben als gäbe es keine Klimakrise, weil - ihrer Meinung nach - die schlimmsten Folgen sie nicht treffen werden.

Dabei ist die Problematik bereits seit Jahrzehnten bekannt und wurde immer wieder sehr deutlich formuliert. So zum Beispiel durch den Club of Rome im Jahr 1972. Schon vor 50 Jahren war es klar, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören, wenn wir weitermachen wie bisher! Auch die Sachstandsberichte des IPCC zeigten seit 1980 klar auf, dass der Klimawandel gefährlich wird, z. B. auch für Inselstaaten. Der Präsident des Inselstaates Palau auf COP 27 in Glasgow benennt die ganze Ungerechtigkeit des Klimawandels für sein Land:

 “Es gibt keine Würde in einem langsamen und schmerzhaften Tod.
Ihr könntet genauso gut unsere Inseln bombardieren.”

 

Antonio Gutteres fasst klar zusammen, was der Klimawandel bedeutet:

„Die Fakten sind unbestreitbar. Dieser Verzicht auf Führung ist kriminell.“

 

Verzweiflung über die Frage, wie diese extreme Unrechtssituation und Gefahr des Zusammenbruchs der Zivilisation noch abgewendet werden kann.

 

All dies hat für mich eine klare Antwort:


Ziviler Widerstand ist eine moralische Pflicht gegen diese Unrechtssituation.

 

Aus den vorher genannten Gründen habe ich an der Aktion in München teilgenommen und werde das auch in Zukunft wieder machen. Repressionen können mich nicht davon abhalten, mich für Klimagerechtigkeit und gegen die aktuelle Politik einzusetzen."

 

Hier die Statements von Sarah und von Annina.

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